Belichtungsmessung aktuell – Licht und Messung Teil 1

Belichtungsmessung am Beispiel der Canon EOS 5D Mark II

EOS 5D II EF 28-135 IS f53mm ISO 100 F32 1/1350sec -1/2LW Integral Distanz 95m Snapshot DxO  D Treysa Bahnhof 17:21 – weitere 52 Bildbeispiele für ausgeglichene und bewußt stark oder knapp belichtete Aufnahmen finden sich in der Kategorie >slowfotos der Woche<:

https://slowfoto.wordpress.com/category/s-l-o-w-f-o-t-o-der-woche/

Meine erste Kleinbildkamera aus 1960 hatte am 50mm Objektiv einen Ring, um die Entfernung von 50cm bis unendlich einzustellen, einen zweiten für den Blendewert 2.8 bis 16 und ein Drehrädchen am Gehäuse für die Belichtungszeiten von 1/500 Sekunde bis zur Langzeitbelichtung B, die den Verschluss solange aufhielt wie auf den Auslöser gedrückt wurde. Belichtung und Entfernung wurden mit einem zusätzlichen Belichtungs-bzw. Schnittbildentfernungsmesser bestimmt oder in der Regel meist geschätzt (´ne Hundertstel bei Blende 8, wenn die Sonne lacht…) und der damals verwendete Schwarzweißfilm verzieh vieles, den Rest ergänzte die Dunkelkammer mit der korrigierenden Ausbelichtung des Fotopapiers und einer speziellen Entwicklung, auch unter direkter Sicht im rotem Licht der Dunkelkammerlampe.

Heute bietet die digitale Spiegelreflex (dSLR) die Qual der Wahl zwischen vier Lichtmesscharakteristiken, hier am Beispiel der Canon EOS 5D MKII:

  • Mehrfeldmessung
  • mittenbetonte Integralmessung
  • selektive Messung
  • Spotmessung

Bei der Mehrfeldmessung wird der gesamte Bildausschnitt des sichtbaren Bildes ausgemessen und bewertet: Damit steht für nicht übermäßig kontrastreiche Lichtsituationen ein Ergebnis der Lichtmessung zur Verfügung, das einen Mittelwert aus allen absorbierenden und reflektierenden Lichtwerten der im Sucher angezeigten Aufnahme bildet.

Die mittenbetonte Integralmessung legt den Messschwerpunkt in einen größeren zentralen Bereich und bewertet den Rest des Bildfeldes integral.

Die Selektivmessung eignet sich vor allem, wenn das wichtige Motiv deutlich heller oder dunkler ist als die Umgebung oder der Hintergrund, es werden nur rund 8% des zentralen Sucherbildes für die Messung bewertet.

Die Spotmessung geht noch einen Schritt weiter und beschränkt die Messung auf rund 4% des zentralen Sucherfeldes.

Der allgemeine Landschafts- und Objektfotograf stellt sich nach meiner Erfahrung mit der Mehrfeld- oder mittenbetonten Integralmessung am besten, allerdings ist das wesentliche Bildobjekt nicht immer in der langweiligen Bildmitte, weshalb ich entweder die Mehrfeldmessung oder die mittenbetonte Integralmessung mit Messwertspeicherung nutze. Je nach Motiv gibt es erkennbare bis keine Unterschiede in der Messung.

Je kleiner der Messbereich gewählt ist, desto stärker kann der Messwert variieren. Werden kleinere Bildwinkel (Telebrennweiten) und bewegte Objekte auch in Bildserien aufgenommen, sind selektive oder Spotmessungen im Vorteil, weil diese bildwichtige Motivanteile besser berücksichtigen.  Solche Voreinstellungen lassen sich sinnvollerweise in den Customprogrammen vorabspeichern.

Will ich ein spezielles Objekt richtig ausbelichtet haben, verwende ich einen kleinen Trick: Entweder zoome ich diesen Bereich für die Lichtmessung nahe heran und speichere diesen Belichtungswert (gedrückte Sternchentaste oder halbgedrückter Auslöser) oder ich gehe näher ans Objekt und dort in gleicher Weise vor, das ist die sog. Objektmessung auf das Motiv oder auch in Richtung zur Kamera.

Dies kann am Ort der Begierde auch professionell mit einem Handbelichtungsmesser wie dem Klassiker Lunasix des Nürnberger Herstellers Gossen aus den siebziger Jahren erfolgen, die heutigen Modelle sind (ein Vergleich von Digipro F und Digiflash folgen):

  • Starlite 2 als Spitzenmodell (um € 570.-) misst alles an Blitz-, Dauer – und Umgebungslicht bis zu einer Stunde in der Astrofotografie,
  • Digipro F (um € 280.-) misst wie vor als handliches Gerät mit vielfacher Anzeige, nur nicht ganz so lange,
  • Digiflash (um € 190.-), kaum größer und schwerer als eine Streichholzschachtel, überzeugt durch Handlichkeit, misst Blitz- und Dauerlicht und zeigt noch viel mehr an,
  • Digisix (um € 155.-) misst Dauerlicht wie vormals der Lunasix 3.

Wesentlich ist die richtige Belichtung, die keine bildwichtigen Details verliert, zu hell überstrahlte und damit ausgefressene Bereiche ohne Zeichnung gehören ebenso dazu wie zu dunkle, abgesoffene und somit undurchdringliche Schattenpartien: Der amerikanische Landschaftsfotograf Ansel ADAMS lehnt sich mit seinem neunstufigen >Zonen-System< stark an den für Menschen ohne Adaptation erfassbaren Lichtkontrastumfang an.

Was wird denn letztlich genau gemessen? Für unser Auge sichtbares Licht besteht aus absorbierten und reflektierten Anteilen des Sonnenlichtes, nachdem es auf Flächen aufgetroffen ist. Der Kontrastumfang in der Natur wird in zwanzig sogenannten Lichtwerten (LW, international E für Exposure Value) gemessen. Das menschliche Auge kann ohne weitere Adaptation und gleichzeitig einen Kontrastumfang von etwa zehn Lichtwerten bewältigen, der aktuelle digitale Kamerasensor ist hierbei wie der Diafilm unterlegen, der Farbnegativfilm kann dies etwas besser. Für gut durchgezeichnete Aufnahmen ist also eine präzise und auf die bildwichtigen Partien abgestimmte Belichtungsmessung unbedingt nötig.

Der gemessene Lichtwert gibt einen Hinweis auf die vorhandene Helligkeit in Abhängigkeit zur Bezugsgröße Empfindlichkeit. Deren Wert wird in ISO ausgedrückt, wobei ISO 200 doppelt so empfindlich ist wie ISO 100. Moderne dSLR arbeiten mit ISO 50 bis etwa ISO 6.400, wobei die höheren Empfindlichkeiten nicht durch Adaptation wie beim menschlichen Auge, sondern durch schlichte elektrische Verstärkung erreicht werden: Nachteil hierbei ist ein sichtbar zunehmendes Bildrauschen, das bei kompakten Digitalen mit kleinem Sensor schon ab etwa ISO 400 die Aufnahmen verunziert. Der größere Sensor der dSLR ist hier im Vorteil, weil lichtarme Situationen durchaus und zufriedenstellend auch mit ISO 3200 aufgenommen werden können.

Der LW 1 entspricht dabei einer Lichtmenge für eine korrekte Aufnahme mit dem Blendenwert 1 und einer Sekunde Belichtungszeit, in folgendem Beispiel gewählt in Bezug auf ISO 100:

  • LW 6 bei ISO 100 ( 1/8 sec bei Blende 2.8) entspricht LW 7 bei ISO 200 (1/15 sec bei Blende 2.8 oder 1/8 sec bei Blende 4),
  • die gleiche Belichtung wird durch Halbierung oder Verdopplung der Verschlusszeit in Verbindung mit Öffnen oder Schließen der Blende um jeweils eine Stufe erreicht.

Einstellungen

Welchen Einfluss hat die Messung vorhandenen Lichtes auf die Aufnahmetechnik mit einer modernen digitalen Spiegelreflex wie der EOS 5D MKII? Wie gehe ich möglichst komfortabel und zeitsparend vor? Dazu einige Einstellungen, die nur als persönliche Anhaltspunkte zu bewerten sind und keinesfalls Allgemeingültigkeit haben, jeder Fotograf muss seine Parameter für die Aufnahmesituationen verstehen oder im Zweifelsfall auf die angebotenen Automatiken zurückgreifen und damit auf wertvolle Einflussmöglichkeiten verzichten.

1.  Vor jeder Aufnahmesituation muss der zweckmäßige Brennweitenbereich gewählt werden, ich verwende regelmäßig ein 2.8 16-35mm oder mit Anfangsblende 4 als IS-Zoom 24-105mm, 28-135mm oder 70-200mm Zoom. Dieser Blendenwert 4 ist weder berauschend noch mit denen von lichtstarken Festbrennweiten zu vergleichen, dafür sind diese Zoome noch im mittleren Preissegment.
2.  Als nächster Schritt erfolgt die erste Probebelichtungsmessung, um die sinnvolle Empfindlichkeitseinstellung abzuschätzen. Auf Grund der rauscharmen Vollformat-Sensoren kann ich im Regelfall auf Werte unter ISO 200 verzichten und bedenkenlos bis ISO 800 nutzen. Bietet die Kamera (wie hier die 5DMKII) auch eine ISO Automatik, kann diese mit kontrollierter Anzeige im Sucher gewinnbringend genutzt werden, um noch schneller und ohne Umstellung am Kamerabody die Aufnahme auf die Speicherkarte zu bringen. Diese Kamera wählt bei gutem Tageslicht ISO 100 und in kleinen Schritten eine höhere Empfindlichkeit bis hin zu ISO 3200, wenn die blaue Stunde in die Nacht übergeht.
3.  Viele Aufnahmen erfolgen in den Programmen [Tv = Time Value) mit einer voreingestellten Belichtungszeit von 1/250 sec und kürzer, um auch bei bewegten Objekten etwas Sicherheit zu haben oder Bildwichtiges vor dem Hintergrund besser freizustellen. Längere vorgewählte Belichtungszeiten von 1/60 sec und darunter lassen Bewegungsunschärfen zu, wenn man z.B. einen Gitarristen oder Schlagzeuger >in action< darstellen will.
4.  Für Fotografie mit Augenmerk auf ruhige Areale wähle ich [Av = Aperture Value] mit einer voreingestellten Blende von 8 und mehr, um entsprechende Schärfentiefen zu erreichen. Will ich hingegen den Vorder- und Hintergrund maximal freistellen, also möglichst unscharf wiedergeben, verwende ich dafür offene Blendenwerte wie 4.
5.  Das [M = Meisterprogramm] mit ausschließlich manuell eingestellten Werten ist z.B. ideal für Nahfotografie mit Blitzlicht: ISO 200 und 1/200sec als kürzeste Blitzsynchronzeit zur Vermeidung von Fremdlicht – Blende 19 bis 22 für maximal genutzte Schärfentiefe. Zudem verwende ich dieses Programm auch für Blitzanlagen.
6.  Least and last ein Wort zur Bildgröße, fälschlicherweise und immer wieder auch Qualität genannt: Mann muss nicht immer mit 21 Millionen Pixel 5 MB große Bilddateien bauen, wenn man sehr sorgfältig per Sucherscheibe mit Gitternetz arbeitet und die Bildkomposition mit Gedanken an die Dia-Fotografie aufbaut, also nach der Aufnahme nichts mehr von den Bildrändern abschneiden muss. In der Sportfotografie oder bei bewegten Motiven mit Bildserien ist das anders…
7.  Der Weißabgleich (WB) ist abhängig von der Werkseinstellung für die Farbwiedergabe, nach langen Testreihen und in Anlehnung an die kompetente Beratung professioneller Fotografen wähle ich das Parameter >Natürlich< mit jeweils Plus 1 für Farbintensität und Sättigung oder auch >Snapshot< aus den zusätzlichen neuen Canon Bildstilen. Für kontinuierliche Blitzaufnahmen bzw. Aufnahmen, die ausschließlich vom Blitzlicht ausgeleuchtet werden, kann die Einstellung >Flash< oder ein entsprechendes Filter vor der Blitzröhre (z.B. Lee-Folien im Diffusor) das harte und etwas kalte Blitzlicht wärmer und weicher gestalten. Wird das Blitzlicht hingegen >nur< zur partiellen Aufhellung verwendet, regelt WB >auto< die Farbwiedergabe besser.
8.  Die Aufnahmen speichere ich regelmäßig im Format JPG, bei im Kontrastumfang sichtbar kritischen Situationen auch als zusätzliche RAW Datei. Um überbelichtete Bildpartien zu vermeiden und gleichzeitig noch etwas sattere Farben zu erhalten, stelle ich die Belichtung auf minus ½ Blendenstufe. In der selektiven Nachbearbeitung von JPG Aufnahmen am PC sind dunklere Partien einfacher aufzuhellen als zu helle abzudunkeln, das RAW Format bietet hier viel mehr Möglichkeiten, auch die der Mehrfachentwicklung mit unterschiedlichen Belichtungen (-2 0 +2 Blendenstufen) und anschließender Verrechnung im Sinne einer gepuschten HDR (High Dynamic Range) Aufnahme.

Fazit

Für meine Ansprüche an die mobile availible light Fotografie sind die Lichtmessungen der modernen dSLR Kamera i.d.R. ideal, wobei ich grundsätzlich integral messe oder per bildmäßiger Voreinstellung ausgewählte mittenbetonte Messwerte speichere, die 5DMKII bietet zudem einen von kompakten Digitalen bekannten und gerne genutzten Live-View-Modus an, der z.B. mit angekoppeltem Notebook (samt farbkalibriertem Bildschirm) eine hervorragende Möglichkeit der präzisen Vorbeurteilung zu erstellender Aufnahmen. Für spezielle Motive mit hohen Kontrasten ist allerdings eine Objektmessung fernab vom Kamerastandpunkt nötig, dazu später mehr.

Alles in allem bieten moderne digitale Spiegelreflexkameras eine Fülle an nützlichen Hilfen, die nach vorgenommener Einstellung und Eingewöhnung den Arbeitsablauf auf ein Minimum verkürzen und die Ausschussquote drastisch reduzieren. Automatisierte Motivprogramme beinhalten unter anderem auch die Farben verändernde Parameter und sind deshalb für mich deshalb ohne Bedeutung, auch wenn sie in guten Lichtsituationen sogenannte schöne Kalenderbilder erzeugen mögen.

…wird mit einem Bericht über externe Handbelichtungsmesser fortgesetzt!

(c) www. s l o w f o t o .de

Ein Gedanke zu „Belichtungsmessung aktuell – Licht und Messung Teil 1

  1. …wow! Ein sehr schöner Beitrag zur Thematik. Gut verständlich und umfassend. Bin schon auf die Fortsetzung mit den externen Belichtungsmessern gespannt. Vielleicht gibt es da auch etwas zu Blitzlichtbelichtungsmessern?

    Eine kleine Ergänzung habe ich noch zum zweiten Absatz. Da, wo die Ringe und Einstellmöglichkeiten am manuell zu fokussierenden 50er Objektiv beschrieben werden. Damals hatten (fast) alle Festbrennweitenobjektive auch eine von der Mitte der Entfernungseinstellung bilateral symmetrische Graduierung mit den möglichen Blendenwerten direkt hinter den Fokuseinstellungsangaben. Mit Hilfe dieser Graduierung konnte man bei bekannter Arbeitsblende und mit Hilfe des Fokus sehr exakt die Schärfenausdehnung abschätzen und auch gezielt einstellen. Diese Hilfe vermisse ich heute bei vielen Objektiven.

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