Bücher die sich lohnen: TABU

TABUFerdinand von Schirach Roman PIPER ISBN 978-3-482-30520-4 €9,99

Boulevard du Temple by Daguerre 1838

An einem hellen Frühlingstag des jähre 1838 wurde in Paris auf dem Boulevard du Temple eine neue Wirklichkeit erschaffen. Sie veränderte das Sehen, das Wissen und die Erinnerung der Menschen. Und schließlich veränderte sie die Wahrheit.

Daguerre war ein französischer Theatermaler. Er wollte Kulissen herstellen, die aussahen wie die Wirklichkeit selbst. Durch ein Loch in einem Holzkasten ließ er Licht auf jodierte Silberplatten fallen. Quecksilberdämpfe machten sichtbar, was sich vor dem Kasten befand. Aber es dauerte lange, bis die Silbersalze reagierte: Pferde und Spaziergänger waren zu schnell, Bewegungen noch unsichtbar, das Licht gravierte nur Häuser, Bäume und Straßen auf die Platten. Daguerre hatte die Fotografie erfunden. 

Auf seinem Foto von 1838 ist in dem diffusen Schatten der Kutschen und Menschen merkwürdig deutlich ein Mann zu erkennen. Während alles um ihn rast, steht er still, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Der Mann wußte nichts von Daguerre und seiner Erfindung, er war ein Passant, der sich die Schuhe putzen ließ. Der Apparat konnte ihn und den Schuhputzer sehen – es waren die ersten beiden Menschen auf einem Foto. Zitate immer kursiv – S. 7/8

Sebastian von Eschburg hatte oft an den bewegungslosen Mann und seinen zerfließenden Kopf gedacht. Aber erst jetzt, nachdem alles geschehen war und niemand die Dinge mehr rückgängig machen konnte, verstand er es: Dieser Mann war er selbst.   S. 8

Sebastian von Eschburg`s Leben wird vom in Berlin lebenden Autor auf 256 Seiten erzählt: Als Kind verliert er durch den Selbstmord des Vaters den Halt. Er versucht sich durch die Kunst zu retten. Er zeigt mit seinen Fotografien und Videoinstallationen, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Es geht um Schönheit, Sex und Einsamkeit… Schirach schreibt über ein aktuelles gesellschaftliches Thema, das den Leser zwingt, grundsätzliche Entscheidungen zu treffen. S. 2

Was ist Schuld?… Ich weiß es nicht… S. 122 Wahrheit und Wirklichkeit seien ganz verschiedene Dinge, so wie Recht und Moral sich unterscheiden würden. Haben Sie das nur gesagt, weil es gut klingt?… >Das Gericht ist die letzte wichtige Institution, die sich mit Wahrheit beschäftigt< – genau deshalb will ich, dass Sie mich verteidigen. S.175/176

Bei Gericht stellt man keine Fragen, deren Antwort man nicht kennt. S. 211

Was ist Schuld?… Schuld – das ist der Mensch. S. 249

Dieser (Kriminal-) Roman hat mich gefesselt, zudem war er recht schnell zu lesen. Die Streifzüge in die Fotowelt zeigen hohe Sachkenntnis.

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Slowfotos für die KW 12 2019

Das älteste Foto der Welt 1826 – Joseph Nicéphore Niépce

1826 Original La cour du domaine du Gras von Niépce
1952 Retusche von Helmut Gernsheim

Die Geschichte um die älteste Fotografie ist verwirrend, die Schweizer Photobiliothek erklärt mit Bildbeispielen, warum das obenstehende Bild >la Cour du Domaine du Gras / Pont de vue du Gras< als erste Photographie und mit der Retouche von Gernsheim im September 1952 auf der Internationalen Photoausstellung in Luzern gezeigt wurde. Niépce hat es mit einer Camera obscura als Heliografie (Asphalt auf Zinn) mit 8 Std. Belichtungszeit aufgenommen, während sein untenstehendes Bild >Boy leading his Horse< von 1825 keine Heliografie ist, sondern einen Papierabzug von einer fotografisch erzeugten Druckplatte darstellt.

1825 Boy leading his horse von Niépce

1838, also erst einige Jahre später entsteht die Aufnahme >Boulevard du Temple von Louis Jacques Mandé Daguerre, als ca. 10min Langzeitbelichtung einer belebten Strasse. Diese Aufnahme gilt als älteste Fotografie, auf der Personen abgebildet sind.

1838 Boulevard du Temple von Louis Jacques Mandé Daguerre

Vor allem der links unten im Bild erfasste Schuhputzer mit seinem unbewegtem Kunden hat viele Kritiken um diese Aufnahme ergeben, die aus dem Verständnis nicht erst heutiger Langzeitbelichtungen einfach zu erklären sind: Ob beide Herren zufällig oder gewollt aufgenommen worden sind, spielt m.E. nur eine untergeordnete Rolle, Tatsache ist, sie sind zu erkennen!

Interessant sind die vielen Techniken zum Fotografieren oder Kopieren vorhandener Objekte allemal, wie auch deren mannigfache Entwicklungen bis hin zum Zeitalter der Digitalisierung.

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