WIE FOTOS WIRKEN

Brian DILG Verlag mitp ISBN 978-3-95845-992-2 €24,99

Der Autor ist Dozent, Fotograf und Kameramann, er berichtet auf 160 Seiten Text mit sehr anschaulichem eigenen und Bildmaterial von 50 zeitgenössigen Fotografen über die Grundlagen der menschlichen Wahrnehmung, die Wirkung von Bildern und wodurch welche Fotos beeindruckend gut sind und warum. Als beispielhafte Zitate:

S.58 Die Bandbreite der Wahrnehmung überwinden… Das Bewusstsein ist nicht nur sehr begrenzt, sondern auch langsam. Lustigerweise halten wir dieses winzige Etwas der bewussten Wahrnehmung für unser ganzes >Ich<… Fotos haben die überraschende Eigenschaft, uns nicht nur zu zeigen, was wir verpassen, sondern auch, was uns nicht bekannt war – Dinge, die wir aufgezeichnet, auf die wir reagiert haben, die aber nie unser Bewusstsein erreicht haben.

S.59 Aufmerksamkeit übersetzen… Mit einem Foto möchten Sie nicht nur zeigen, was Sie sahen, sondern auch, was Sie dachten. Sie übertragen nicht einfach ein Bild auf die Kamera, sondern wollen eine Idee vermitteln… Sie müssen auch Platz für den Geist Ihrer Zuschauer lassen. Was Bilder wirklich erfolgreich macht, ist nicht nur die klare Kommunikation einer Idee, sondern die Präsentation eines Erlebnisses, das durch den Fotografen ausgelöst und durch den Betrachter vollendet wird. Erfolgreiche Bilder lenken die Aufmerksamkeit und deuten Ideen an, sind aber auch zu einem gewissen Grad mehrdeutig. Sie fordern die Betrachter auf, aktiv an der endgültigen Bedeutung des Bildes mitzuarbeiten. Zitatende

Zum vorliegenden Buch: 

Für mich gehört diese Publikation zu den wenigen ganz wichtigen, die über die allgemeine Fotografie weit hinausgehen, weil human physiologische und technisch fotografische Parameter klar dargestellt werden: der Mensch sieht mit riesigem Blickwinkel, aber nur ganz wenig fokussiert scharf, was zum Leben völlig ausreicht, im Grunde tasten beide Augen dreidimensional und damit doppelt laserartig ab. Der Sensor erfasst mit einem Klick den vorgegebenen Bildwinkel, mittlerweile auch digital, fehlerkorrigiert und scharf bis in die Bildecken, aber immer nur one shot, also ein Bild. Brian Dilg erklärt diese Unterschiede verständlich, ich habe das Buch in einem durchgelesen. 

Geprägt durch die Zeit der analogen Spiegelreflex Kamera war ich lange ein Freund des optischen Suchers, heute mag ich ohne Live View, möglichst farbtreu und groß, nicht mehr fotografieren, und dabei genau sehen, was ich als Bild bekomme. Nach der Lektüre WIE FOTOS WIRKEN weiß ich auch warum.

Dazu noch einige persönliche Gedanken:

SEHEN

Coaching bei Heiko Preller Hannover 12.05.2013 EOS 5D II f85mm F1.8 1/180sec ISO 100 – wir haben viel über Farben und Töne erfahren und gemäß Vorgaben Aufnahmen erstellt und einzeln besprochen: http://www.heikopreller.de https://slowfoto.wordpress.com/category/studiofotografie/

Sehen ist auch Übersehen, vor allem angesichts dessen, was wir bereits wissen. Es gibt zu viel zu sehen, als dass man alles erkennen könnte Brian Dilg

Wir glauben, wir würden alles aufnehmen, dabei kommt nur eine kleine Menge zum Bewusstsein. Man nennt dies Aufmerksamkeitsengpass. Das ist aber auch sinnvoll. Sie wollen nicht alles aufnehmen, das würde Sie überwältigen. Sie müssen sich nur der Dinge bewusst sein, die wichtig für Sie sind, die beeinflussen, was Sie als nächstes tun. Die Wahrnehmung ist quasi im Dienst der Aktion. Dr. Jay Friedenberg

Du siehst nur was Du kennst Antoine de Saint Exupéry

Das Perfekte ist der Feind des Guten Voltaire

Du musst einige Erfahrungen im Leben gemacht haben, damit Du etwas interessantes zu sagen hast Julie Grahame

Ich fotografiere seit meinem 12 Lebensjahr, damit rund 6 Jahrzehnte lang. Heute interessiert mich die Technik weniger als das, was ich sehe, zumal der Fortschritt meine Fotografie zwar beeinflusst, aber eigentlich nicht sehr verändert hat. Meine Frau schaut immer wieder mit und veranlasst so eine weitere und damit gemeinsame Aufnahme.

slowfoto habe ich meinen Blog genannt, weil wir beide slowfood lieben, Beschaulichkeit, Ehrlichkeit, Nachhaltigkeit, Reflektion, Wiederbesinnen, es geht um Ausdruck, Dokumentation, Erinnerungen und Sammeln.

Ein entstehendes Schwarz Weiss Bild in der Dunkelkammer meines Vaters war die erste Faszination, beim Goldguss in der Handschleuder der Moment der Verflüssigung. Heute ist es das große Live Bild vom iPhone, das jede noch so kleine Veränderung adhoc sichtbar aufzeigt, für mich der ganz große Schritt weil ich jetzt exakt sehe was ich bekomme.

Man sagt ein Bild ist mehr als tausend Worte, ich halte das für Unsinn. Ein Foto drückt die aufgenommene Situation aus, hält sie fest. Wenn man eine Aufnahme kürzer als 1 Sekunde betrachtet, versteht man sie nicht oder das Bild ist uninteressant. Gute Fotografien sind oft technisch nicht wirklich perfekt, haben aber einen tiefen Ausdruck, man schaut viel länger hin und die Gedanken beginnen zu kreisen. Diese Wahrnehmung ist trainierbar, genauso wie das Gehör.

Heute haben wir das unlösbare Problem, viel zu viele (optische) Informationen zu bekommen, und überall rieselt es noch Musik dazu. Auch ist nachts oft viel zu viel künstliche Beleuchtung vorhanden. Die Ruhe geht dabei verloren, wenn das Bild schon vor der Aufnahme versendet werden soll. Als Info ist das oft hilfreich, hat aber mit Fotokunst nichts zu tun. Kunst ist Können mit Fleiß wie Übung, lebenslang. Die neue teure Kamera macht keine besseren Aufnahmen. Ein bleibendes Bild überdauert seien Schöpfer. So sehr ich Film- und Videoproduktionen schätze, so intensiv mag ich Fotografien, seit ich selbst welche erstellt habe: Mit Fotos öffnen Fotografen sich selbst und anderen, oft spiegeln sie auch die Auffassungen des Betrachters wieder. Genauso gerne lese ich >richtige< Bücher 🙂

ein paar Begriffserklärungen

Annahmen der Betrachter – ein cleveres Bild spielt damit und nutzt die Erwartung aus, nur um sie dann umzukehren

Fotos zeigen uns, was wir verpasst haben, Bilder überdauern, wenn sie das Erlebnis des Sehens verlangsamen

Gesichtsfeld und Fokus – wir nehmen nur 1-2% als Spot scharf wahr

Kamera – one shot für die gesamte Szene in einem einzigen Bild mit statischem Blick

Menschen zeichnen beim Sehen Gedanken auf, Kameras hingegen nur Licht

Menschliches Sehen – dynamischer Blick mit Bewegung von Augen und Kopf

Sakkaden – Augenbewegung beim dynamischen Blick

Tunnelblick – wir filtern beim Hören und Sehen auf einen sehr kleinen Spot der Aufmerksamkeit

TIPP: zu jeder Aufnahme, Frage oder Thematik biete ich gerne auch ein LIVE COACHING per Videotelefonat an, Dein/Ihr Beitrag für 30min 30€ und 60min 50€ – mobil 0172 7021587

(c) slowfoto.de